Konzerthalle oder Asylantenheim

Wer Wind sät wird Sturm ernten – manches, das im alten Testament steht, ist leider wahr, auch wenn ich besser fände, wenn die Menschheit ihren religiösen Wahn ganz gleich welcher Konfession endlich überwinden könnte. Ich wünsche so sehr, sagen zu können, dass ich an die Vernunft glaube, an die Fähigkeit des Menschen, zu denken – aber leider wird so viel Scheiß gedacht und so viel Unvernünftiges getan, dass ich schier verzweifle. Aber das bringt ja auch nichts.

Natürlich ist schrecklich, was in Paris geschehen ist – aber, da muss man sich nichts vor machen – selbstverständlich kann das jederzeit wieder passieren und zwar auch in Berlin. Oder in Hannover. So lange es Verlierer und eine Menge Waffen in der Welt gibt, wird es Terroranschläge geben – genau wie diesen, oder wie die Attentate in London, in Madrid oder in Washington.

Oder in Bagdad, da gibt es besonders viele davon. Oder in Oslo – auch wenn Anders Breivik kein fanatischer IS-Scherge war, sondern ein durchgeknallter Nazi. Das macht letztlich keinen Unterschied: Die Attentate in Paris haben ungefähr genauso viel mit dem Islam zu tun wie das Abfackeln von Flüchtlingsheimen in der deutschen Provinz mit der Verteidigung der westlichen Werte. Es geht darum, denen, die anders drauf sind – erfolgreicher, glücklicher oder einfach nur fehlgeleitet und verachtenswert – eine möglichst deutliche Lektion zu erteilen.

In den USA gibt es das in kleinerem Rahmen doch fast jede Woche – irgendeinen verzweifelten Irren, der mit einer automatischen Waffe in einer Schule, einem Kino oder einem Einkaufszentrum wahllos Leute abknallt. Diesen ganzen Typen ist gemein, dass sie sich im Recht wähnen und sich deshalb zu Herren über Leben und Tod aufschwingen – einmal in ihrem Scheißleben sind sie stärker als alle anderen und bereit, für diesen Augenblick zu sterben: Die meisten Amokläufer legen es drauf an, selbst getötet zu werden. Die Attentäter von Paris haben sich, nachdem sie wahllos Dutzende Menschen getötet haben, selbst in die Luft gesprengt.

Das ist auch genau der Grund, weshalb man so wenig gegen diese Art Terror machen kann: Wer bereit ist, für seine Sache zu sterben, ist praktisch nicht aufzuhalten – da hilft auch eine Vervielfachung der Sicherheitsetats nicht. Wir haben ja gerade wieder vorgeführt bekommen, dass eben die ganze Überwachung, die ohnehin schon stattfindet, eben nicht mehr Sicherheit bringt, sondern nur mehr Angst. Und wenn man an den Grenzen innerhalb Europas wieder alle Fahrzeuge kontrolliert, dann werden potenzielle Terroristen ihre Kalaschnikovs halt wieder im Rucksack über die grüne Grenze tragen – oder sollen künftig alle Grenzen so befestigt werden, wie die berühmte deutsch-deutsche Grenze zu Zeiten des kalten Kriegs?!

Es ist eben nicht möglich, alle Menschen ständig zu kontrollieren – nicht mal alle polizeibekannten Islamisten. Wobei inzwischen sogar deutschen Politikern langsam dämmert, dass auch rechtsradikale Dumpfbacken gefährlich sein können. Aber auch daraus werden garantiert nicht die richtigen Schlüsse gezogen, sondern es wird die nächste Aufrüstungsrunde stattfinden – mehr Überwachung, mehr Polizei, und weil das Geld dafür ja irgendwo eingespart werden muss, wird das wie immer bei denen gespart, die sich eh nicht wehren können, weil sie ohnehin schon Verlierer sind.

Die einzig wirklich wirksame Terrorbekämpfung wäre, weltweit Gesellschaften aufzubauen, in denen es keine Verlierer mehr gibt, in denen niemand mehr so verzweifelt sein muss, dass er lieber stirbt, als dieses Leben noch weiter aushalten zu müssen und bei seinem sinnlosen Märtyrertod noch möglichst viele mitnimmt, die es auch nicht besser haben sollen.

Aber wenn ich mir die Schlagzeilen heute so ansehe, wird natürlich genau das Gegenteil gemacht: Im Namen von Freiheit und Demokratie werden die Länder, die man nun als irgendwie schuldig am islamistischen Terror identifiziert mit noch mehr Gewalt überzogen, noch mehr Verzweifelte werden mit allen Mitteln versuchen, ins vermeintlich gelobte Land zu kommen und noch mehr Verlierer werden zu fanatischen Gegnern der in ihren Augen dekadenten westlichen Spaßgesellschaft, deren arglosen und unverdient glücklichen Mitgliedern man mit Maschinengewehren und Sprengstoffgürteln eine noch brutalere Lektion erteilten muss.

Es ist doch schon lange klar, dass der Krieg gegen den Terror nicht mit Waffen zu gewinnen ist. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum die Regierenden der westlichen Welt trotzdem keine andere Lösung finden.

Noch zwei Lesetipps:

Wer den Wind sät

Es ist alles schlimmer geworden

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Endlich eine kapitalismuskritische Fernsehserie! Wirklich?

Einerseits tut es mir schon leid, dass ich meinen Blog und damit meine Leser in letzter Zeit so vernachlässige – andererseits bin ich einfach müde und erschöpft vom Kampf ums Überleben. Es ist halt nicht so leicht, den Lebensunterhalt für drei Menschen zu verdienen und danach noch politische Analyse zu betreiben. Insbesondere, da es in meinem Laden derzeit nicht besonders rund läuft, aber das führt jetzt zu weit.

Des Abends zerstreue ich mich gern mit fernsehen – und es ist nicht alles schlecht im Kapitalismus: Weil immer mehr Pay-TV- und Streaming-Anbieter um die Gunst der Kunden buhlen, gibt es doch einige Serien, die ich richtig gut finde. Etwa Breaking Bad, True Detective oder ja, auch Sense8, obwohl mir das schon bisschen zu paranormal ist, aber hey, es ist doch eh Fiction, warum also nicht mal was Übernatürliches. Gibt immerhin auch viel Lebenswirklichkeit und das ganz global. Und mein neues Serien-Highlight ist Mr. Robot.

Mr Robot - Bild: USA Network

Mr Robot – Bild: USA Network

Mr. Robot ist eine Serie des US-Kabelsenders USA Network über den depressiven, soziophen Computerhacker Elliot Alderson, der an seiner Existenz in dieser Gesellschaft leidet und gern die Welt retten würde, aber nicht so recht weiß, wie er es anfangen soll. Weil er sehr intelligent ist, ist er trotz seiner Störungen in der Lage, zu tun, was von ihm verlangt wird, um in der kapitalistischen Gesellschaft zu überleben – er hat einen Job in einer Cyber-Security-Firma und sein Vorgesetzter liebt ihn, weil er einfach sehr gut in seinem Job ist. Aber eigentlich hasst Elliot alles, was er da tut, genau wie er diese ganze Gesellschaft hasst, die Menschen dazu bringt, ständig Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Nachts dagegen tut Elliot, was er eigentlich will, oder meint zu wollen: Er hackt sich in das Leben anderer Menschen, um seiner Einsamkeit zu entgehen. Darin ist er sehr gut, und weil er überhaupt ein guter Junge ist, versucht er, sein Talent auch für das Gute einzusetzen: Die Menschen, die er mag, beschützt er mit seinen Aktivitäten vor den Bösen, die er entlarvt und unschädlich machen will. Das geht allerdings nicht immer so aus, wie der für seine Intelligenz dann doch wieder erstaunlich naive Elliot sich das vorstellt.

Nun ist Mr. Robot zwar eine überdurchschnittlich gute Fernsehserie, die ich durchaus auch empfehle, aber eigentlich kein Gegenstand für ein kapitalismuskritisches Polit-Blog. Eigentlich. Aber ich fand zufällig diesen Artikel: USA’s Mr. Robot Is the Anti-Capitalist TV Show We’ve Been Waiting For.

Und damit dann doch einen Grund für einen neuen Artikel. Denn man kann an dieser Serie sehr viel gut finden, aber nicht, dass sie kapitalismuskritisch sei. Auch wenn Elliot Geld egal ist: „I don’t give a shit of money“, sagt er dem Betreiber eines Kinderporno-Netzwerks, dem er das Handwerk legt. Er tut das, weil er das richtig findet. Offenbar kann er sich diesen Luxus leisten, weil er mit seinem Tagesjob als Cyber-Security-Ingenieur genug für seinen Lebensunterhalt verdient – und wie man im Verlauf der Serie sieht, braucht Elliot nicht viel, er hat eine schäbige Wohnung in einer schlechten Gegend von New York, er trägt immer die gleichen Klamotten und scheint auch selten zu essen – er braucht nur Geld für sein Morphin und seinen Internetanschluss.

Elliot vermutet eine große Verschwörung hinter allem – von den „top 1 percent of the top 1 percent secretly running the world without permission.“ Aber hier geht es schon los: Wäre es denn okay, wenn diese Typen eine Erlaubnis dazu hätten? Und überhaupt: Eigentlich haben sie die ja. Unser ganzes Demokratiegewese dient ja eben dazu, dass wir, die Wähler, denen, die zur Wahl gestellt werden, die Permission/Erlaubnis/Befugnis zum Regieren gegeben. Das ist keine Verschwörung, sondern Demokratie – Demokratie ist leider auch, dass das von den Wähler gewählte Politpersonal letztlich nicht viel zu sagen hat, weil es zum Regieren da ist, wie man das so macht in heutigen Zeiten: Politik verfolgt einerseits nationale und andererseits wirtschaftliche Interessen und genau das ist der demokratisch gewollte Service am politisch-industriellen Komplex, der eigentlich dafür sorgt, dass der Laden läuft. Und das ganze nennt man Kapitalismus. Demokratie und Freiheit inbegriffen.

Auch wenn sich das nicht nach Freiheit anfühlt, denn da ist diese unsichtbare Hand, die Elliot (und wir alle) immer wieder zu spüren bekommen: “The one that brands us with an employee badge. The one that forces us to work for them. The one that controls us every day without us knowing it. But I can’t stop it.” In dem Punkt hat Elliot leider recht: Er kann das nicht stoppen. Er kann sich gebrandmarkt und genötigt fühlen, weil auch ein depressiver Hacker seine Wohnung und seinen Internetanschluss bezahlen muss, und dass er das offensichtlich tut, finde ich durchaus sympathisch: Er könnte ja auch von seinem Hackertum leben, sich als Cyberkrimineller sein Konto füllen und in der typischen Autonomen-Arroganz sagen: Seht her ihr blöden Mitläufer, ich hab das alles gar nicht nötig! Und sich freuen, wie erfolgreich man doch auf den Staat scheißen und das System ficken kann.

Mr Robot (Christian Slater) und Elliot (Rami Malek) Bild: USA Network

Mr Robot (Christian Slater) und Elliot (Rami Malek)
Bild: USA Network

Aber Elliot ist weder ein Autonomer, noch ein Krimineller, er ist ein ziemlich intelligenter, aber am Ende doch erstaunlich normaler Mensch, der mit der Gesellschaft, so wie sie ist, halt nicht klar kommt, sich dessen auch bewusst ist und trotzdem versucht, sich an die Regeln zu halten. Elliot hält sogar ziemlich viel von Regeln, er hat sich selbst streng reguliert, sowohl, was sein Verhalten den anderen gegenüber angeht, auch wenn er die meisten Menschen nicht leiden kann (was absolut nachvollziehbar ist, nur sind die meisten nicht so ehrlich), als auch, was sich selbst angeht: Nicht mehr als 30 Milligramm Morphin pro Tag und nur, wenn noch Suboxon da ist. Und die meisten Hacks, die er macht, macht er ja, weil andere Regeln brechen und Elliot die Regelbrecher aus dem Verkehr ziehen will.

Das macht Elliot für die meisten Zuschauer auch so sympathisch – er ist abgesehen von seinen beeindruckenden analytischen Fähigkeiten – wie alle anderen: Irgendwie fühlt fühlt sich doch jeder mal missverstanden und einsam und sehr viele von uns können eben nicht besonders gut kommunizieren, wenn sie überhaupt wissen, sie eigentlich wollen. Jetzt mal ehrlich: Wer weiß wirklich, was er oder sie wirklich will in diesem Leben?! Und weil das alles so unklar und schwierig ist, arrangiert man sich eben mit dem, was man vorfindet und redet sich ein, dass das ja im Grunde ist, was man haben wollte – es ist eben nichts perfekt in dieser Welt. Früher hat man das mit dem Willen Gottes erklärt, heute erklärt man es halt mit der allgemein menschlichen Unzulänglichkeit.

Und wenn es einem nicht gelingt, sich die Zustände, in die man es aushalten muss, schön oder zumindest erträglich zu reden, kann man sie sich ja immer noch schön trinken, oder wie Elliot Morphin nehmen, um sie irgendwie auszuhalten. Oder ist das altbewährte Opium fürs Volk reinziehen und sich irgendeiner Glaubensgemeinschaft anschließen.

Was aber jetzt die Kapitalismuskritik betrifft, die hier angeblich geübt wird, so kann ich sie leider nicht entdecken – okay, man kann es kritisch nennen, wenn Dinge gezeigt werden, die wirklich nicht so schön sind am real existierenden Kapitalismus. Etwa, dass die einen arbeiten gehen oder gar verhungern müssen, wenn sie niemanden finden, der an ihrer Arbeitskraft interessiert ist, während die anderen sich nur überlegen müssen, welche neue Luxusuhr ein noch passenderes Statement ihrer hoffnungslosen Überlegenheit abgeben könnte.

Klar, und es ist irgendwie auch nicht schön, dass sich nette Mädchen wie Shayla ins Drogenbusiness begeben und sich mit durchgeknallten Killertypen wie Fernando Vera einlassen müssen – okay, Shayla hätte auch gleich den anständigen, aber weniger lukrativen Job als Kellnerin wählen können, dann wäre sie vielleicht noch am Leben. Arm aber sexy zu sein ist allerdings auch nicht so einfach, dass schafft vielleicht eine Stadt wie Berlin, aber nicht jedes Mädchen in Chinatown. Wenn Shayla diesen Job nicht macht, dann macht es halt eine andere – auch das Drogengeschäft gehört zum Kapitalismus, es ist sogar besonders typisch dafür: Mehr Risiko, mehr Gewinn. Das gleiche gilt für den Umweltskandal, den E-Corp vertuscht hat, nur dass der E-Corp-Manager Terry Colby noch am Leben ist – aber auch das zeigt ja, wie diese Welt funktioniert: Die kleinen Straßendealer und -dealerinnen werden von ihren Bossen umgelegt, den großen Konzern-Bossen legt man halt eine Fußfessel an – und das auch nur, wenn sie über eine dumme Sache gestolpert sind, die man einfach nicht mehr ignorieren kann.

Sind diese dezente Hinweise schon Kapitalismuskritik? Nein, das sind sie nicht. Über derartige „Ungerechtigkeiten“ oder „Fehler“ im System lamentieren ja viele, die den Kapitalismus eigentlich doch gut finden, weil er angeblich das einzige funktionierende System sei, mit dem sich diese Welt betreiben ließe. Genau das müsste aber in einer ernsthaften Kapitalismuskritik hinterfragt werden. Das sehe ich in Mr. Robot (noch?) nicht.

Vielleicht kommt in der Richtung später noch ein bisschen mehr, wenn wir mehr über die Motive von Mr. Robot erfahren – aber Mr. Robot wurde als wirklich ernst zu nehmender Kapitalismuskritiker ja von Anfang an disqualifiziert: Er wird als spinnerter Anarchist eingeführt, von dem Elliot sicher ist, dass er verrückt ist – und Elliot weiß einiges über klinische Störungen der Psyche. Aber vielleicht stellt sich ja noch heraus, dass Mr. Robot nicht verrückt ist, sondern neben seinem größenwahnsinnigen Plan, den mächtigsten Konzern der Welt zu zerstören, auch noch eine Idee hat, wie er die Welt danach organisieren will. Denn ich sehe nicht, dass mit der Zerstörung eines Konzerns – selbst wenn es der größte der Welt ist, der Kapitalismus überwunden wäre. Das ist bestenfalls eine Kritik an Evil Corp oder meinetwegen auch an Großkonzernen – aber die offenbar in Stein gemeißelte Tatsache, dass es Eigentum, Geld, Geschäfte und Profit geben muss, ist damit noch lange nicht infrage gestellt.

Hier wittere ich eher die schräge Idee so vieler anderen „Kapitalismuskritiker“, dass es eine „gute Marktwirtschaft“ für die kleinen Leute geben könne, wenn man den „bösen Gierkapitalismus“ der Banken und Großkonzerne irgendwie an die Kette legen könnte. Aber genauso, wie man aus einem Raubtier kein Schoßhündchen machen kann, kann man keinen guten Kapitalismus machen: Das Perverse am Kapitalismus ist prinzipiell, dass es bei der ganzen Veranstaltung NIEMALS um die Interessen der Menschen geht, sondern immer nur ums Geschäft und ums Geldverdienen: Deshalb finden nur die Dinge statt, die in irgendeiner Form ein Geschäftsmodell sind – die Leute in den armen Ländern verhungern ja nicht, weil es auf der Welt zuwenig Lebensmittel gäbe. Die EU hat im vergangenen Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag investiert, um Nahrungsmittel zu vernichten.

Nicht aus Bosheit, sondern um die Preise zu stützen – und damit den europäischen Bauern zu helfen, die nun einmal darauf angewiesen sind, dass ihre Produkte GEKAUFT werden. Dieses simple Beispiel zeigt das kapitalistische Dilemma sehr deutlich: Wenn es nicht ums Geld verdienen, sondern um die Ernährung der Welt ginge, könnten sich die Bauern und mit ihnen alle Menschen über Rekordernten freuen. Im kapitalistischen System sind Rekordernten ein Problem, weil die Preise und damit die Profite fallen. Ein solches System ist von hinten bis vorn pervers. Aber darüber erfahre ich in Mr. Robot gar nichts.

Klar, die Idee von Mr. Robot, dass 70 Prozent der Verbraucherkredite weltweit einfach gelöscht werden, hat einen gewissen Charme, und die armen jungen Amis, die ihr ganzes Berufsleben damit verbringen, ihre Studienkredite zurückzubezahlen, werden erstmal glücklich sein, genau wie die armen Hauskäufer, die dann nicht mehr befürchten müssen, dass sie die Rate für die Hypothek nicht mehr aufbringen. Aber es stünden nur wenige Augenblicke später schon die ganzen zweit- und drittgrößten Konzerne bereit, den großen E-Corp Kadaver zu zerfleischen und aufzufressen und alles ginge nach der Neuverteilung auf den Märkten von vorn los: Eine solche „Revolution“ ist eben keine, obwohl mir der Gedanke, mal eben einen Großkonzern platt zu machen, prinzipiell schon gefällt – aber das ist eher raffinierter Vandalismus und eben kein grundlegender Systemchange: Den bekommt man nur, wenn man weiß,wo das eigentliche Übel liegt, das es abzuschaffen gilt. Auch das sehe ich in Mr. Robot nicht: Es gibt Elliots Unbehagen mit dem System, das viele Menschen teilen, aber es wird nicht wirklich erklärt – oder schlimmer noch: Es wird falsch erklärt, nämlich mit Elliots und Angelas persönlicher Betroffenheit. Weil ihre Eltern durch illegale Machenschaften von Evil Corp (wie Elliot E-Corp konsequent nennt) gestorben sind, haben die beiden einen nachvollziehbaren Hass auf E-Corp. Was aber nicht dasselbe ist wie der absolut berechtigte Hass gegen das unmenschliche System an sich, gegen den Kapitalismus. Im Gegenteil: Angela und Elliot versuchen jeweils auf ihre Weise, mit diesem System klar zu kommen. Das ist aber das Gegenteil von Kapitalismuskritik.

Was ist jetzt also das prinzipielle Problem mit dem Kapitalismus? Es liegt, wie die Bezeichnung Kapitalismus schon vorwegnimmt, in der besonderen Eigenschaft von Geld auch Kapital zu sein, also Geld, das investiert wird, um mehr Geld zu verdienen. Das Problem ist eben nicht, dass die meisten Menschen zu wenig davon haben, und andere sehr viel, auch wenn es immer wieder so dargestellt wird.

Genau das ist der Punkt: Geld ist eben kein harmloses Tauschmittel, mit dem ein Gebrauchswert gegen einen anderen getauscht wird, sondern sehr viel mehr, vor allem ist es Zugriffsmacht auf alle möglichen und unmöglichen Dinge. Und die Grundlage dafür, mehr – und zwar extrem viel mehr – Zugriffsmacht auf alles zu bekommen. Und solange auf allem, was Menschen zum Leben brauchen, ein Preisschild klebt, braucht man Geld, um zu überleben. Daran ändert auch die größte Umverteilungsaktion der Geschichte nichts: Das Problem mit dem Kapitalismus ist eben kein Verteilungsproblem. Das Problem ist viel grundsätzlicher. Es geht um die Frage, zu welchem Zweck überhaupt Produktion statt findet – siehe oben. Wenn man sich darüber einig werden könnte, dass alle Menschen satt werden und ein schönes Leben haben sollen, könnte man über eine sinnvolle Verteilung der Produkte nachdenken und ich bin sicher, dass mit den heutigen Möglichkeiten kein Kind mehr hungrig ins Bett gehen müsste, weil es erstens genug zu verteilen und zweitens genug Transportmittel geben würde, wenn genau dieses Ziel Sinn und Zweck der menschlichen Anstrengungen wäre. Aber genau das ist im kapitalistischen System nicht der Fall, und deshalb gibt es so viel Elend auf der Welt.

Und an alle, die jetzt damit kommen, wie schrecklich doch der realexistierende Sozialismus gewesen wäre, weil es da noch mehr Elend, Unfreiheit und weniger Fortschritt gegeben hätte: Das stimmt zwar alles so nicht, wenn man sich näher damit beschäftigt, kann man feststellen, dass etwa in Kuba die Lebensumstände der Leute zwar nicht super toll sind, aber doch noch deutlich besser als in anderen Ländern der Karibik, in denen kein Sozialismus, sondern kapitalistische Anarchie herrscht – aber das ist auch nicht unbedingt das, was ich mir als Alternative vorstelle. Auch in den sozialistischen Systemen gab es zu wenig Vertrauen in die Menschen: Hier wurden die Leute nicht mit der harten Knute von Verarmung („Freiheit“) in die (Selbst-)Ausbeutung gezwungen, sondern mit ideologischer Bevormundung. Die ironischerweise dazu geführt hat, dass die zuvor rundum vom Staat versorgten Osteuropäer für die nicht weniger ideologische westliche Propaganda besonders anfällig waren: Freiheit und Demokratie bedeuten eben nicht Bananen und neue Fernseher für alle, sondern in erster Linie, dass jeder selbst zusehen muss, wie er mit seinem Leben klar kommt. Was aber für die Menschen in den USA dermaßen selbstverständlich ist, dass sie sogar die Idee einer Krankenversicherung für alle Bürger schon als kommunistische Zumutung empfinden. Insofern kann man auch nicht erwarten, dass ausgerechnet eine US-Serie zeigt, wie kapitalismuskritisches Fernsehen geht. Aber sie kann ein Anlass sein, tatsächlich mal darüber nachzudenken, wie eine wirklich kapitalismuskritische Serie sein müsste. Nicht, dass ich die Hoffnung hätte, dass man dann noch einen Sender oder eine Produktionsgesellschaft dafür findet. Aber die Gedanken sind frei. (Achtung: Ironie. Genau diese bürgerliche Idee der Freiheit muss darin ja kritisiert werden)

Nun will ich Mr. Robot keineswegs schlecht machen, es ist eine intelligent konstruierte Serie, die mir sehr viel Spaß macht – und weil eben so viel Hirn darin zu spüren ist, habe ich die Hoffnung, dass es tatsächlich intelligentes Leben auf diesem Planeten geben könnte.

Es gibt ja Aktivisten, die fordern, dass der Zugang zu sauberem Wasser, frischer Luft und ausgerechnet: Zum Internet samt sämtlichen dort vorhandenen Inhalten ein Menschenrecht und damit kostenlos möglich sein müsse – das ist natürlich ein Anfang, aber das gleichzeitig reichlich inkonsequent und deshalb auch Unsinn: Warum sollte man denn ausgerechnet die Dinge, mit denen man richtig Geld verdienen kann, weil jeder darauf angewiesen ist, von der sonst flächendeckend durchgesetzten kapitalistischen Verwertung von allem (inklusive Fortpflanzung, Gesundheit, Lebensglück und zunehmend selbst dem Sterbeprozess) vor lassen?! Ein menschenwürdiges Leben ohne den Zwang zu Selbstausbeutung und Erwerbsarbeit für alle ist meiner Ansicht nach die Mindestforderung, und dann muss man sich halt darüber einigen, wie schnell der kostenlose Internet-Anschluss für alle denn mindestens sein muss.

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Bescheuerte Parolen

Klar, es ist nicht schön, wenn Hauswände mit hässlichen Parolen wie „Ausländer raus!“ oder ähnlichem besprüht werden, da lese ich doch lieber kritische Sprüche wie „Manager an die Laterne!“. So richtig ratlos machte mich allerdings das Graffito „Asylrechtsverschärfung stoppen!“.

Graffito Asylrechtsverschärfung stoppen!

Das nenne ich mal eine handfeste Forderung.

Wie bescheuert ist das denn? Ist das Asylrecht denn an sich dermaßen okay, dass man nur gegen eine Verschärfung desselben sein müsste?! „Bleiberecht für alle!“ oder „Asylrecht abschaffen!“ wären Forderungen, die ich nachvollziehen könnte.

Aber so ist das halt in diesen Zeiten – die Leute haben sich damit abgefunden, dass alles ziemlich schlecht eingerichtet ist, und protestieren nur noch gegen weitere Verschlechterungen, anstatt auf die Idee zu kommen, dass man auch mal echte Verbesserungen einfordern könnte.

Wie wäre es mit „Rentenniveau höchstens auf die Hälfte es Existenzminimums absenken!“ oder „Arbeitszeit für gleichem Lohn höchstens um eine Stunde pro Tag verlängern!“ Der brave Untertan ist inzwischen sogar bei seinem Protest darauf bedacht, seine Untertanengesinnung ganz deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Leute, was ist nur los mit euch?!

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Buchkritik: Das gekaufte Web

Das kaufte Web von Michael Firnkes ist einerseits ein sehr gutes Buch, denn Firnkes beschreibt darin kenntnisreich und detailliert, wie das Internet-Business funktioniert. Andererseits ist es aber auch wieder ein sehr dummes Buch, weil Firnkes behauptet, dass es einerseits ein gutes kommerzielles Web gibt, in dem ehrliche SEO (Suchmaschinen-Optimierung) mit lauteren Zwecken betrieben wird und andererseits ein böses gekauftes Web mit gemeiner SEO, in dem manipuliert, betrogen, abgestaubt und gelogen wird. Und dann gibt es noch das richtig gute, das demokratische Web, in dem jeder Nutzer gleichberechtigt teilhaben, sich artikulieren, seine Hobbys und Kontakte pflegen und sich als Teil der großen globalen Webcommunity fühlen kann.

Das ist natürlich Unsinn, denn es gibt nur ein Internet. Und das ist weitgehend demokratisch, denn Demokratie heißt ja eben nicht, dass jeder von uns irgendwie an den wichtigen Entscheidungen, die in unserer Gesellschaft gefällt werden, beteiligt wäre. Demokratie ist das, was in der westlichen Welt als angeblich optimale Staatsform durchgesetzt wird. Demokratie bedeutet, dass wir uns das Politpersonal, das über unsere Köpfe hinweg regiert, bis zu einem gewissen Grade aussuchen können – es heißt aber nicht, was die normalen Menschen, die in so einer Demokratie leben, irgendwas zu melden hätten.

Sie sollen arbeiten gehen, Nachwuchs produzieren, überhaupt zum Bruttosozialprodukt beitragen, Steuern zahlen und konsumieren. Punkt. Demokratie bedeutet weder Wohlstand, noch gleiches Recht für alle. Wer das nicht glaubt, kann ja mal nachsehen, wie weit der Volkswille der Griechen bei den Entscheidungen zur Euro-Rettung eine Rolle spielt oder was die Demokratisierung in den Ländern, durch die vor ein paar Jahren der unter anderem auch vom guten demokratischen Web angefachte arabische Frühling geweht ist, angerichtet hat. Demokratie bedeutet heutzutage vor allem aber auch, in einer Gesellschaft unter kapitalistischen Bedingungen zu leben. Das bedeutet, dass letztlich alles und jedes sich in erster Linie als Geschäftsmodell bewähren muss – und das Internet ist dabei keine Ausnahme.

Der große Boom jener Infrastruktur, die im kalten Krieg erfunden wurde, um im Falle des Falles irgendwie eine Kommunikation aufrecht erhalten zu können, erfolgte nicht, weil irgendwelche wohlmeinenden Menschen sich dachten, dass man damit die Demokratie oder was auch immer voran bringen könnte, sondern weil damit ein Geschäft zu machen war.

Natürlich bleibt, wenn das der Fall ist, auch immer etwas auf der Strecke: Mit dem Erfolg des Amazon-Modells leiden die Einzelhändler vor Ort, durch die kostenlosen Nachrichtenportale wird es für die Zeitungsverlage schwer, ihre kostenpflichtigen Abos unter die Leute zu bringen, weil die Menschen über Facebook, WhatsApp und Co kommunizieren, können die Telekomanbieter nicht mehr so viele Gesprächsminuten verkaufen und versuchen jetzt, den Leuten irgendwelche anderen Dienste anzudrehen, für die sie immer schnellere und teurere Internet-Anschlüsse brauchen. So ist das halt im Wettbewerb. Das Internet funktioniert genau so wie der Rest der Welt.

Die Internet-Nutzer können natürlich bis zu einem gewissen Grad auswählen, was sie auf Facebook liken, bei Amazon bestellen, auf welcher Gratis-Nachrichten-Seite oder welchem Blog sie sich ihre Nachrichten abholen, um sich aufzuregen oder ihr Weltbild zu bestätigen und natürlich können sie auch idealistisch ein Qualitätsmedium mit einem bezahlten Abo unterstützen.

Das geht genauso wie im realen Leben, wo man auch entweder bei Aldi oder Lidl oder eben bei der Bio Company oder bei Butter Lindner einkaufen kann – wenn man nur genug Geld hat, hat man die Wahl. Aber für immer mehr Menschen trifft das nicht zu – sie haben nicht genug Geld, um nicht das billigste oder was sie gratis bekommen konsumieren zu müssen.

Insofern hat es wenig Sinn, gegen die Billig- oder Kostenlos-Mentalität der Leute zu wettern, denn viele würden sich gern mehr leisten, wenn sie es denn könnten. Das ist zwar ein bekannter Reflex, mit dem immer wieder auf miese Verhältnisse in allen möglichen Bereichen reagiert wird, aber er erklärt letztlich nichts und bietet entsprechend keine Abhilfe: Das angeblich segensreiche Funktionieren des Kapitalismus sorgt überall dafür, dass immer billiger und schlechter produziert wird: Bei der Lebensmittelerzeugung, bei der Bekleidung, beim Hausbau und so weiter – überall geht es darum, mit weniger Einsatz von Kapital mehr Profit rauszuholen – auch aus den Menschen, die immer mehr für immer weniger Geld arbeiten müssen.

Deshalb hat es eben auch keinen Sinn, darüber zu lamentieren, dass viele Blogger und Internet-Seiten-Betreiber das tun, was sie tun, um damit Geld zu verdienen, und statt hingebungsvoll gepflegter Qualitätsseiten eben schnell zusammengestrickten Schrott anbieten, der genauso mit Werbung vollgepflastert werden kann. In einer Welt, in der man ohne Geld nicht leben kann, bleibt so etwas logischerweise nicht aus. Es ist nämlich NICHT so, dass wir eine Wahl zwischen einem „freien“ und einem von kommerziellen Interessen beherrschten Internet hätten – diese Wahlmöglichkeit existiert so wenig, wie die Wahl zwischen einem schönen, menschenwürdigen Leben ohne materielle Zwänge und dem Leben, das wir tatsächlich zu führen genötigt werden: Eben den kommerziellen Zwängen einer kapitalistischen Weltordnung unterworfen, ob wir darauf nun Lust haben oder nicht.

Es ist natürlich schön, dass es trotzdem noch eine Menge Menschen gibt, die ohne jedes Gewinninteresse interessante und hochwertige Inhalte ins Internet stellen – aber das ist nun mal die Ausnahme und nicht die Regel. Und wenn man möchte, dass das die Regel wird, muss man die globale Wirtschaftsordnung komplett umkrempeln und dafür sorgen, dass Menschen tatsächlich die Wahl haben, ob sie automatisch produzierte Massenware oder individuell gefertigte Qualitätsprodukte herstellen und konsumieren möchten. Dazu muss man aber nicht einfach Konsumentenbeschimpfung betreiben und an die Moral appellieren, sondern den Kapitalismus abschaffen. Was übrigens nicht nur für die Qualität der Inhalte im Internet besser wäre, sondern für die Menschheit an sich.

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Was die Griechen jetzt tun müssten

Wäre die Syriza eine wirklich linke Partei, könnte sie den Rückhalt in der Bevölkerung jetzt nutzen, um wirklich linke Politik zu machen. Aber dazu dürfte in Griechenland kein Stein auf dem andern bleiben – raus aus dem Euro, das ist klar. Das kann aber nur der erste Schritt sein, um sich vom Diktat des Kapitals und der Banken zu befreien: Egal, wie man das Geld nennt, dass denen, die es haben, die Zugriffsmacht auf alles gibt und diejenigen die es nicht haben, von allem ausschließt: Es muss weg.

Wie die Griechen derzeit am eigenen Leib erfahren: Geld ist kein Tauschmittel, wie es gern verharmlosend genannt wird und schon gar kein Instrument der Verteilung. Die griechischen Bürger erleben gerade, wie ihr Land zerstört wird, indem es bald nichts mehr zu verteilen gibt: Das Geld der Griechen ist einzig und allein noch dazu da, die Schulden ihres Staates zu bedienen. Und damit der seine Zinsen auch weiterhin zahlen kann, wurde er so lange „gerettet“, bis sämtliche Strukturen, in denen noch ein bisschen Geld an die Leute im Land fließt, statt in den Schuldendienst, zerstört wurden: Ein Sozialsystem existiert praktisch nicht mehr, immer mehr Leute fallen in verzweifelte Armut, das Gesundheitssystem liegt am Boden, Gehälter und Renten wurden zusammengekürzt – falls sie überhaupt noch gezahlt werden. Derzeit sieht es nicht so aus, als ob das noch der Fall wäre.

Geld ist Macht und die griechische Regierung hat weder das eine, noch das andere. Insofern kann man das Ergebnis vom vergangenen Sonntag irgendwie heroisch finden, nützen wird es aber nichts. Es sei denn, die Griechen entschließen sich zu einem radikalen Schritt und verteilen tatsächlich um – und zwar ohne Geld. Denn Geld nützt nur denen, die es haben, und immer mehr Griechen haben keins, können also die Dinge, die sie zum Leben brauchen nicht mehr bezahlen. Eine wirklich linke Regierung könnte jetzt wirklich etwas für den Menschen tun, indem sie dafür sorgt, dass alle Menschen zum Leben bekommen, was sie zum Leben brauchen.

Das Geld mag zwar ausgehen, aber alles andere ist doch noch vorhanden: An den Olivenbäumen wachsen weiterhin Oliven – sie müssen halt geerntet und verarbeitet werden. Und an alle, die Oliven oder Olivenöl haben möchten, verteilt werden. Krankenhäuser, Schulen, Fabriken – das ist doch alles noch vorhanden. Warum braucht es Geld, um Kranke zu behandeln oder Kindern etwas beizubringen? Es braucht Menschen, die Kranke behandeln können und andere ausbilden, und klar, die müssen von irgendetwas leben.

Die Dinge, die gebraucht werden, müssen hergestellt werden. Gut, gerade ein Land wie Griechenland, in dem vergleichsweise wenig produziert wird, ist damit beschissen dran. Aber das wäre ja die Herausforderung: Sicherlich können die Griechen gemeinsam produzieren, was sie brauchen, um den Menschen im Lande ein halbwegs vernünftiges Leben zu ermöglichen. Derzeit ist es für viele ja nicht mal mehr vernünftig: Die Selbstmordrate ist rasant gestiegen, weil immer mehr Menschen einfach keine Perspektive haben – ihnen ist einfach nicht möglich, unter den gegebenen Bedingungen genug Geld zum Überleben zu verdienen. Wäre es da nicht an der Zeit, dass man Geld einfach mal Geld sein lässt, und sich um die Dinge kümmert, die Menschen wirklich brauchen?

In einer Gesellschaft, in der es um die Menschen geht, braucht es kein Geld. Nur Menschen, die bereit sind, für ihr Überleben etwas zu tun. Man kann natürlich damit argumentieren, dass das in unserer schönen globalen Hightech-Welt keine tolle Perspektive ist: Wie soll man sich denn dann das nächste iPhone und den schnellen Internetanschluss leisten können?

Andererseits waren meine Großeltern, die einen Bauernhof hatten, noch in der Lage, so ziemlich alles, was sie zum Leben gebraucht haben, selbst zu produzieren. Einige selbstgewebte Leinenlaken meiner Urgroßmutter benutze ich noch immer – unverwüstliches Material. Und wäre es für den Normalbürger, der von extremer Armut bedroht ist, nicht attraktiver, ein auskömmliches Leben bei überschaubaren Aufwand zu haben, also jeden Tag ein paar Stunden in das eigene Überleben zu investieren, als in den wachsenden Reichtum derer, die andere für sich arbeiten (und sterben) lassen? Kapitalismus ist ein Alptraum. Diese menschenverachtende Scheiße muss endlich aufhören.

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Mein Abendprogramm wird bestreikt

Mein Abendprogramm wird bestreikt. Ja, irgendwie blöd.

Aber ich sage: weiter so!

kino babylon Berlin Streik verdi

Die Besatzung vom Kino Babylon in Berlin streikt. Von wegen GDL ist cooler als Verdi. Weiter So!

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Sozialer Kapitalismus und weitere Absurditäten

Irgendwas läuft falsch mit dem Kapitalismus, findet die Süddeutsche und hat unter der Überschrift „Macht uns der Kapitalismus kaputt?“ ein neues Projekt aufgelegt.

Dabei braucht man für die Beantwortung dieser Frage eigentlich kein groß angelegtes Recherche-Projekt, denn diese Frage lässt sich ganz einfach mit „ja“ beantworten. Doch genau diese Antwort will die Süddeutsche ausdrücklich nicht geben – denn was wäre dann die Alternative?

Was nicht sein darf, kann nicht sein: Der Kapitalismus ist alternativlos. Das stellt die Zeitung dann auch gleich im aktuellen Samstagsessay noch einmal ausdrücklich fest. Unter der Überschrift „Im Schatten des Booms“ versucht der Autor Alexander Hagelüken, sich das Unbehagen am Kapitalismus von der Seele zu schreiben: Wenn laut einer aktuellen Umfrage 80 Prozent der Menschen in Deutschland erwarten, dass die Ungleichheit in den nächsten Jahren weiter zu nehmen wird, während sie sich gleichzeitig weniger und nicht mehr Ungleichheit wünschen, dann läuft wohl irgendwas ziemlich schief.

Das tut es in der Tat. Doch statt einer vernünftigen Bestandsaufnahme der Dinge, die falsch laufen und deren ernsthafter Analyse kommt dann ein Meisterstück der Selbstverrenkung: Hagelüken stellt fest, dass die Einkommen breiter Schichten sinken, der Stress bei der Arbeit zu nimmt, weil die Leute in weniger Zeit mehr schaffen sollen, gleichzeitig aber die Finanzbranche die Allgemeinheit erpresst, für ihre Probleme zu haften und dass es – man spürt förmlich, wie es den Autor schmerzt, das aufschreiben zu müssen – dem Markt herzlich egal sei, ob in China eine Diktatur an der Macht ist oder die Umwelt zerstört werde. Das ist alles ziemlich schlimm. Aber Hagelüken kommt gar nicht auf die Idee, dass es vielleicht am Kapitalismus selbst liegen könnte, wenn der so hässliche Dinge hervorbringt.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Leute wünschten sich Veränderung, weil es für sie ja nun wirklich nicht gut läuft und wollten gleichzeitig aber prinzipiell am herrschenden System festhalten – sie wollten halt einen besseren Kapitalismus, genannt soziale Marktwirtschaft. Wenn die Leute das wollen, dann muss das wohl richtig sein. Der Autor kommt gar nicht auf die Idee, diesen Wunsch zu hinterfragen, sonst könnte er nämlich merken, dass das ziemlich bescheuertes Wunschdenken ist: „Wir wollen Kapitalismus, aber er soll sich nicht wie Kapitalismus anfühlen, sondern wie Sozialismus. Aber Sozialismus ist ja doof. Also wollen wir sozialen Kapitalismus!“ Das ist ungefähr so, wie zu wünschen, dass bei Regen die Sonne scheint.

Aber offenbar wünscht Hagelüken das auch, denn der meint, dass wenn das nun der Wunsch der Massen sei, dieser auch erfüllt werden müsse. Also identifiziert er fünf Felder, auf denen es unbedingt Reformen geben müsste, auf das der Kapitalismus sozialer, also irgendwie besser, würde.

So müsse erstens für weniger Ungleichheit gesorgt werden. Das ist eine Neuauflage der Forderung „Arbeit muss sich wieder lohnen“ – wobei das Problem ja ist, dass immer mehr Arbeit wegrationalisiert wird. Es ist schon irgendwie ungerecht, dass Computer und Roboter zunehmend auch qualifizierte Tätigkeiten übernehmen, diese Maschinen aber einer kleinen Minderheit gehören, die immer reicher wird, während der Rest in die Röhre schaut. Das findet sogar Hagelüken. Hier könnte man dann also mal einhaken und auf die Idee kommen, dass man dann derartige Produktionsmittel eben in Volkseigentum überführen müsse, damit alle etwas davon haben.

Darauf kommt ein SZ-Autor natürlich nicht, dem fällt zum Stichwort „weniger Ungleichheit“ nur „mehr Chancengleichheit“ ein. Nun hat „Chancengleichheit“ recht wenig mit gleichen Lebensbedingungen für alle zu tun, Chancengleichheit bedeutet nur, dass die Chancen, eventuell mal zu denen da oben gehören zu dürfen, gerechter verteilt werden sollen, wobei „gerechter“ für den Autor einfach nur heißt, dass mehr in Bildung investiert und darauf geachtet werden müsse, dass die Kinder nach der vierten Klasse nicht schon in ihre zukünftige Laufbahn vorsortiert werden, wie es derzeit der Fall ist.

Aber selbst wenn man hier tatsächlich die totale Chancengleichheit herstellen könnte, in dem man wirklich alle Kinder zu einem Einser-Abitur päppelt, mit dem man theoretisch durchaus eine Chance auf eine einkömmliche Karriere hätte, würden natürlich trotzdem nicht alle einen einträglichen Superjob bekommen. Sondern es gäbe halt noch mehr super qualifizierte Arbeitskräfte, die für Mindestlohn einen Scheißjob machen müssen.

Daraus folgt – anders als die SZ es glauben will: Es gibt in unserem segensreichen System genau die Bildung, die dafür nötig ist. Genau deshalb werden die Leute ja nach der Grundschule entsprechend sortiert. Würde mehr Bildung gewollt, würde das Bildungssystem entsprechend ausgebaut und nicht, wie es tatsächlich geschieht, immer weiter zusammen gespart. Man lernt es ja von Großbritannien und den USA: Bei Bedarf kann man einfach Leute aus anderen Ländern anwerben, auf deren Qualifikation die Wirtschaft gerade scharf ist. Das erhöht dann halt die Chancen derer, die sich eine entsprechende Ausbildung leisten wollten und konnten.

Die so genannte Chancengleichheit braucht man übrigens genau dann, wenn man davon ausgeht, dass es quasi naturgegeben Ungleichheit gibt: Eine Chance ist keine Garantie, sondern ein Strohhalm, nach dem diejenigen greifen können und müssen, die bei der ungleichen Verteilung der Ressourcen nicht so gut weggekommen sind. Mit dem Versprechen der Chancengleichheit wird Ungleichheit also eher zementiert als abgebaut. Ungleichheit abbauen kann man nur durch Umverteilung, dazu müssen diejenigen, die viel haben, gezwungen werden, denen, die wenig haben, mehr abzugeben.

Doch wenn man sich dazu nicht durchringen kann, hilft auch der Blick über den Tellerrand nicht, der in Punkt zwei erfolgt: Ungleichheit müsse nicht nur im eigenen Land, sondern global abgebaut werden. Da könnten die westlichen Länder viel tun, wenn sie wollten.

Tja, lieber Herr Hagelüken – genau das wollen sie aber nicht. Im Gegenteil: Gerade die reichen Länder sorgen derzeit doch dafür, dass die armen Länder nicht aus den Puschen kommen. Genau das hält das System am Laufen – was wäre denn, wenn jedes Hungerleiderland soweit hochgepäppelt wird, dass es auf dem Weltmarkt zum Konkurrenten wird? Die Armut der einen ist die Voraussetzung für den Reichtum der anderen. Genau deshalb lassen vernunft- und empathiebegabte Menschen zu, dass eine Elite ihre Genussfähigkeit verfeinert, während Millionen Menschen verhungern. Dagegen hilft keine moralische Empörung, sondern nur ein Systemwechsel. Aber genau darüber will Hagelüken ja nicht nachdenken.

Ähnlich schwachsinnig ist auch der nächste Punkt: Der Kapitalismus müsse endlich nachhaltiger werden. Seit Jahrzehnten sei bekannt, dass Übernutzung und Zerstörung von Ressourcen die Menschheit ihrer Lebensgrundlage berauben – aber es sei noch immer nicht gelungen, im Kapitalismus Mechanismen zu finden, die der Umwelt einen adäquaten Preis zuordnen, so dass diese Zerstörung gestoppt werden könne. Natürlich wäre das im Kommunismus alles noch schlimmer, weil da hat ja gar nichts einen adäquaten Preis. Also ist Kapitalismus zwangsläufig besser, aber leider noch nicht so richtig gut. Und dann wird es noch viel origineller: Weil die ganzen Klimakonferenzen bisher leider gar nichts gebracht hätten, soll sich die Staatengemeinschaft jetzt doch bitte schön endlich aufraffen und das auf der nächsten Klimakonferenz endlich mal regeln. Merkt der Autor tatsächlich nicht, wie bescheuert diese Forderung angesichts seiner eigenen Bestandsaufnahme ist?

Der nächste Punkt wird auch nicht besser, da will Hagelüken nämlich das Problem des „Überschuldungskapitalismus“ angehen. Dazu wirft er Staats-, Unternehmens- und Privatschulden in einen Topf, was an sich schon ziemlicher Unfug ist: Denn für einen Privatmensch, der Schulden hat, weil er sich das Auto, das er braucht, um zur Arbeit zu kommen, eigentlich gar nicht leisten kann, sind diese Schulden ein ganz anderes Problem als für einen Unternehmer, der sich Geld leiht, um eine Maschine zu kaufen, die wieder eine Reihe Arbeiter überflüssig macht, die dann ihre Schulden erst recht nicht bezahlen können. Für den Unternehmer sind seine Schulden eine Investition in künftigen Gewinn, für den Privatmensch hingegen die Schlinge um seinen Hals, die sich immer weiter zu zieht. Also ist für einen schlecht, was für den anderen gut ist: Schulden nämlich sind nur für den ein Problem, der sie am Ende begleichen muss und kein Geld dafür hat.

Und Staatsschulden sind noch mal eine ganz andere Geschichte – wie soll denn ein vernünftiger Kapitalismus funktionieren, wenn ein Staat kein Geld in die Hand nimmt, um den Laden am Laufen zu halten? Gut, wenn ein vergleichsweise bedeutungsloser Staat wie Griechenland nicht mehr genug Geld hat, um seine Verbindlichkeiten an anderen Staaten zu bezahlen, dann ist das natürlich blöd, vor allem für die Griechen. Aber bei der Bundesrepublik Deutschland oder gar den USA sieht das ganz anders aus: Da zeigt sich doch gerade an der Fähigkeit, noch mehr Schulden machen zu können, erst die Potenz dieser Gebilde! Und wer erwartet denn im Ernst, dass eine USA irgendwann einmal ihre Schulden zurückzahlen würde? Da lachen ja die Hühner! Wozu denn?

Noch lustiger ist allerdings der letzte Punkt „Mehr Kontrolle“. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, das wusste auch Lenin. Der wird hier natürlich nicht zitiert, sondern einmal mehr auf die soziale Marktwirtschaft verwiesen, die Ludwig Erhard angeblich erfunden hat. Dabei hatte der marktliberale Erhard nun keineswegs einen fürsorglichen Sozialstaat im Sinn, sondern einen, in dem jeder Bürger vor allem für sich selbst verantwortlich sein sollte – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Hagelüken meint, dass die soziale Marktwirtschaft so toll funktioniert habe, weil die Marktmacht einzelner Unternehmen oder Interessengruppen wirksam kontrolliert worden sei. Wenn man also die Finanzbranche effektiver kontrollieren würde, so dass die uns nicht mehr von heute auf morgen mit Finanzkrisen überraschen kann, wäre alles besser. Und auch neue Monopolisten wie Google oder Facebook müssten stärker kontrolliert werden. Nun ja – aber wie will der Autor eine staatliche oder gar überstaatliche Kontrolle von Privatunternehmen mit den Grundsätzen des freien Unternehmertums in Einklang bringen? Das wäre mal interessant, verrät er aber nicht.

Alles in allem ist dieser Essay also ein gelungener Auftakt zur neuen Süddeutsche-Recherche-Serie über den Kapitalismus, der erwarten lässt, dass in den weiteren Artikeln ebenso wenig über die wirklichen Schwächen und Gefahren des kapitalistischen Systems zu erfahren sein wird, wie in diesem. Der zudem ein Spitzenprodukt des unlogischen Zirkeldenkens ist: Ein Problem zu benennen, um dann zur Behebung eben dieses Problems das gerade als unwirksam erkannte Instrument vorzuschlagen – und das gleich fünf mal hintereinander – ist schon eine erstaunliche Leistung.

Da behaupte noch einer, dass Gehirnwäsche nicht funktioniert!

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