Zu wenig Kinder, die zu viel kosten

Seit ich denken kann, wird in Deutschland darüber lamentiert, dass die Leute zu wenig Kinder kriegen. Also die richtigen von uns, die echten Deutschen, deren Großeltern den 2. Weltkrieg erst vom Zaun gebrochen und dann erlitten haben, die Goethe und Schiller schon mit der Muttermilch aufgesogen haben, genau wie Kant und Hegel, und was es da an deutschen Geistesgrößen mehr gibt. Deutsches Opus, deutscher Wein, deutsches Bier, deutsches Wirtschaftswunder, deutsche Hochtechnologie, deutsche Kinder.

Rudi Carell konnte bereits 1975 mit dem Song (falls man das denn so nennen kann) „Liebling die Deutschen sterben aus“ einen Hit landen. Und damals gabs noch jede Menge Kinder. Die Grundschule, in die ich damals gehen musste, wurde als Notmaßnahme mit hässlichen Containern erweitert, weil wir einfach zu viele waren. Im Sommer war es darin zu heiß und im Winter zu kalt. Wir waren 40 Kinder in einer Klasse und auch sonst immer zu viele – zu viele Schüler, die Mitte der Achtziger Jahre mit einem Realschulabschluss eine Lehrstelle suchten, ein paar Jahre später waren wir zu viele Abiturienten, als dass uns die bereits übervollen Unis alle aufnehmen konnten, wir waren zu viele, die einen vernünftig bezahlten Job mit Perspektive suchten und zu viele, die auf dem Arbeitsamt herumlungerten (das hieß damals noch so). Wir waren immer zu viele – aber jetzt heißt es, dass zu wenige von uns Ingenieur werden wollten und, noch schlimmer, zu wenige von uns immer zu vielen wollen deutschen Qualitätsnachwuchs produzieren!

Eine Erklärung dafür ist selbstverständlich, dass es seit zwei, drei Generationen tatsächlich so ist, dass ein oder auch mehrere Kinder nicht mehr einfach so passieren und als Schicksal hingenommen werden. Kinder werden geplant oder eben auch nicht. Aber Planwirtschaft ist scheiße – der Kapitalismus und das Kinderkriegen funktionieren nicht nach Plan.

Aber warum sollten denkende Menschen heutzutage Kinder einplanen. Ist mühsam und teuer, lohnt sich nicht. In einer Gesellschaft, in der alles, aber auch wirklich alles, auf Wirtschaftlichkeit hin geprüft, in der jedes Bedürfnis erstmal durchkalkuliert wird, in der Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, Freizeit und überhaupt jeder Furz irgendein Geschäftsmodell bedienen müssen oder einfach nicht statt finden können, in so einer Gesellschaft sind Kinder einfach kein gutes Geschäft. Erstaunlich, dass es überhaupt so viele hartgesottene Idealisten gibt, die trotzdem Kinder bekommen – entgegen jeglicher Vernunft.

Doch so wahnsinnig viele sind das nicht. Und das ist kein Wunder. Trotz Elterngeld und Kinderfreibetrag für Gutverdiener werfen diese jetzt nicht reihenweise Junge. Denn wer statusbewusst ist und rechnen kann, der schnallt schnell, dass der Staat die Verantwortung für den Nachwuchs eben doch auf die Leute abwälzt, egal wie die gängige Rhetorik lautet. Die aktuelle Steuerpolitik belohnt insbesondere gutverdienende Singles. Und wenn man sich an den hippen Orten in dieser Republik umsieht, erkennt schnell, dass die gesamte Infrastruktur auf gutverdienende Singles ausgerichtet ist, ja, auch auf gutverdienende Doppelverdiener. Ohne Kinder. Selbstverständlich. Insofern glaube ich nicht, dass tatsächlich dermaßen viele Paare ungewollt kinderlos sein sollen, wie unsere Familienministerin glauben will. Im Gegenteil. Viele Kinder sind dann doch nicht eingeplant. Sondern so halb passiert. Bevor man zuende gedacht hat. Und das ist verheerend. Besonders verheerend ist das bei denen, die nicht gut verdienen: Die Bedürfnisse von weniger gut verdienenden Menschen kommen in unseren hochglanzsanierten Ballungszentren zunehmend weniger vor. Egal ob mit oder ohne Kinder.

Die Leute sollen verdammt noch mal ordentlich Kohle verdienen, damit sie sich Kinder samt Babysitter, Privatschule und Biokost dann auch leisten können. Darum geht es nämlich: Kinder sind Privatsache, sie sollen den Staat nichts kosten. Aber dennoch braucht der Staat, die Gesellschaft, wir alle, ständig ausreichend qualifizierten Nachwuchs. Also sollen die Leute ihre gut erzogenen, hervorragend ausgebildeten und bis ins Mark leistungsbereiten Kinder dann dem System, äh, der Nation, also, uns allen, also uns allen Deutschen, zur Verfügung stellen, damit die Wirtschaft auch morgen noch wachsen kann. Zumindest die deutsche.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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