Gerechtigkeit im Fernsehen

Noch immer habe ich viel Zeit, kann mich aber kaum bewegen – ideal zum Lesen und Fernsehen. Nach und nach lese ich mich durch die Arbeiterliteratur – unter anderem sehr empfehlenswert: Willi Bredel.

Und ich frage mich, warum die Skandinavier und die Briten so viel bessere Krimi-, Politik- und Justiz-Serien hinkriegen als das deutsche Fernsehen. Selbst die streckenweise gar nicht so üble zdf-Serie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach ist gegen britische Serien wie Injustice oder Criminal Justice die reinste Klamotte, obwohl der grandiose Josef Bierbichler den abgebrühten Strafverteidiger gibt.

In der ITV-Serie Injustice spielt James Purefoy einen engagierten Strafverteidiger, der sich die unprofessionelle Marotte erlaubt, nur Menschen zu verteidigen, von deren Unschuld er hundertpro überzeugt ist. Einmal hat er nämlich seinen Job so gut gemacht, dass er einen durchgeknallten Tierschützer freibekommen hat, der einen Professor in die Luft jagen wollte, der Tierversuche durchführt. Leider hat die Bombe den achtjährigen Sohn des Professors erwischt. Das kommt aber erst später heraus…

Nach dem ich Purefoy als literaturbesessenen Serienmörder und Sektengründer in der zwar überaus verschwurbelten und blutigen, am Ende aber leider nicht besonders guten US-Serie The Following ertragen musste, war Injustice ein echter Lichtblick.

Also habe ich nach weiteren Serien der Art geforscht und Criminal Justice gefunden – die erste Staffel ist so grandios wie verstörend: Der junge Ben Coulter begibt sich mit dem Taxi seines Vaters auf eine nächtliche Spritztour, lernt ein sehr hübsches, aber leicht gestörtes Mädchen kennen, sie überredet ihn, mit ihr gemeinsam einen Trip einzuwerfen, was er eigentlich nicht will, sie nimmt ihn mit nach Hause, was er dann aber doch will, sie trinken, sie haben Sex und am Ende wacht Ben mit schwerem Schädel am Küchentisch auf. Das Mädchen liegt erstochen im Bett. Ben macht in seiner Panik so ziemlich alles falsch und am Ende wird er mit dem Mordwaffe in der Jacke gestellt, nach dem er das Taxi seines Vaters zu Schrott gefahren hat.

Damit geht’s dann erst richtig los: Der naive Junge hat weder eine Ahnung, wie das Justizsystem funktioniert noch wie man im Knast überlebt – er weiß nur, dass er kein Verbrechen zugeben kann, an das er sich nicht erinnert und von dem er glaubt, dass er es nicht getan hat, selbst wenn alles gegen ihn spricht. Das Problem ist, dass er selbst nicht weiß, was in jener Nacht passiert ist – und die wenigen Menschen, die zumindest einen leisen Zweifel an der Schuld des Angeklagten haben, müssen sich sehr ins Zeug legen, um Ben zu helfen – was auch nach hinten losgehen kann. Überaus spannendes Justizdrama mit einem mehr als überzeugenden Ben Whishaw und dem verlässlich fantastischen Pete Postlethwaite.

Seit ich irgendwann als Kind den Klassiker Die Zwölf Geschworenen sah, habe ich einen gewissen Faible für Justiz-Dramen. Um so erstaunlicher, dass mich das aktuelle deutsche Justiz-Drama in München dermaßen kalt lässt. Aber die aktuelle Berichterstattung beschränkt sich vor allem auf die Garderobe der Angeklagten (von der immer wieder gesagt wird, wie erstaunlich gut sie doch aussehen würde – was haben die Leute denn erwartet? Eine weibliche Version von Himmler oder Goebbels?!) und ihrer VerteidigerInnen und wie langweilig diese ganzen abgelehnten Anträge doch seien. Und die Masche wirkt: Zschäpes Anwälte sorgen dafür, dass die Leute im Zuschauerraum vor Langeweile vom Stuhl fallen – auf diese Weise wird der zähe Prozess aus den Schlagzeilen bald heraus sein.

Ich gebe zu, dass das angelsächsische Geschworenensystem durch seine Theatralik im Vorteil ist – hier müssen Strafverfolger und Strafverteidiger eine Jury aus ganz gewöhnlichen Mitbürgern durch eine möglichst überzeugende Performance für sich gewinnen. Im deutschen Rechtssystem müssen sie nur den Richter oder die Richterin überzeugen, die ebenfalls professionelle Juristen sind. Beides hat Vor- und Nachteile.

Spontan fällt mir nur ein richtig guter deutscher Justiz-Film ein, und zwar In Sachen Kaminski. Es geht um einen (realen) Fall von Sorgerechtsentzug, bei dem sehr gutwilligen, aber eben leicht beschränkten Eltern die Tochter weggenommen wird, damit sie bei Pflegeeltern auswachsen und optimal gefördert werden kann. Die Eltern klagen ihr Besuchs- und Sorgerecht für ihre geliebte Tochter ein und gehen bis vors Bundesverfassungsgericht, verlieren aber letztinstanzlich. Eine engagierte Anwältin kommt auf die Idee, den Fall vor den Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte in Straßburg zu bringen. Dieser entscheidet Zugunsten der Eltern. Sehr bemerkenswerter Film über die Unzulänglichkeiten des deutschen (Familien-)Rechtssystems.

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Stadtbegrünung in Zeiten der Kahlschlag-Politik

Merkwürdige Dinge passieren nicht nur in Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg. In Schöneberg habe ich eins der originellsten Begrünungsprojekte der Stadt entdeckt. Im Zuge der Verjauchung der Roten Insel, auf der sich der durchs ard-Fernsehen bekannte Gasometer befindet, soll der Cherusker-Park (in seiner ganzen Pracht hier abgelichtet) nach Süden hin durch einen Grünstreifen erweitert werden.

Dazu wurde das bereits reichlich vorhandene Grün, Pappeln und eine prächtige Fliederhecke, restlos abgeholzt. Woran mich diese Form der Kahlschlag-Politik erinnert? Fragen Sie jetzt besser nicht Günther Jauch…

Die winterlich kahle Fliederhecke am S-Bahnring zwischen Südkreuz und S-Bahnhof Schöneberg

Die winterlich kahle Fliederhecke am S-Bahnring zwischen Südkreuz und S-Bahnhof Schöneberg

Die gleiche Stelle nach dem offiziellen Beginn des Begrünungsprojektes.

Die gleiche Stelle nach dem offiziellen Beginn des Begrünungsprojektes.

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Szeneläden in Prenzlauer Berg

Weil mir das Schreiben derzeit doch schwer fällt, gibt es jetzt einfach mehr Fotos. Heute habe ich einige Szeneläden In Prenzlauer Berg zusammengestellt:

Ein LPG-Biomarkt Nähe Senefelder Platz.

Ein LPG-Biomarkt Nähe Senefelder Platz. Dort war früher eine Wiese, auf der ein Bauwagen stand. Dort gabs Flaschbier ne Mark, mit dem man sich in auf Klapp-Liegestühlen ausruhen konnte.

Immobilienmakler scheint es in Prenzlauer Berg mehr zu geben als Bäcker

Immobilienmakler scheint es in Prenzlauer Berg mehr zu geben als Bäcker – egal ob diese nun Schrippen oder Weckle verkaufen. Wohnungen gehen offenbar weg wie warme Semmeln.

Beim Weineinkauf ist der P-Berger offenbar ebenso preis- wie qualitätsbewusst.

Beim Weinkauf ist der P-Berger offenbar ebenso preis- wie qualitätsbewusst.

Einer der typischen Kinderläden.

Einer der typischen Kinderläden für den gehobenen Anspruch. Dort kann man Kinder zwar nicht betreuen lassen, aber doch wenigstens Geld für sie ausgeben.

Verkaufen und vermieten.

Zwei klassische Konzepte sind auch in der Rykestraße anzutreffen: Verkauf von Eigentumswohnungen und der Versuch, hohe Ladenmieten zu erzielen.

Frischluft

Muss man offenbar dran schreiben, damit man es merkt.

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Die Welt und das gute Leben

Das Thema “Glücklich sein” hat viele Variationen. Vor einigen Tagen (oder sinds schon Wochen, durch meinen Unfall bin ich in ein Zeitloch gefallen) fragte sich beispielsweise ein Autor der konservativen Welt, wie denn gutes Leben ginge. Und wie das bei solchen Fragen immer ist, geht dann erstmal die Tirade los, wie gedankenlos und egoistisch der Lebensstil des modernen westlichen Menschen doch ist, der immer nur mehr will und keinen Gedanken an seine Mitmenschen oder seine Umwelt verschwendet. Der immer noch mehr arbeitet und gar nicht dazu kommt, sein Leben zu genießen. Und weil er ja so viel schuften muss, in seinen Selbstbelohnungshandlungen immer maßloser wird und Ressourcen verschleudert ohne Ende ohne auch nur ein Gramm glücklicher geworden zu sein. Bezeichnenderweise sind ja mehr als drei Viertel aller deutschen Arbeitnehmer mit ihrem Job (und vermutlich auch mit ihrem Leben) irgendwie unzufrieden.

Da könnte man vermuten, dass es vielleicht auch an den unschönen Lebensbedingungen liegt und nicht allein an den Menschen, die ihre Lebenszeit mit öden, oft auch noch schlecht bezahlten Tätigkeiten totschlagen müssen, um am Ende irgendwie über die Runden zu kommen. Auf diesen naheliegenden Gedanken kommt der Welt-Autor erstaunlicherweise nicht, die in seinem Welt-Artikel erwähnten Beispielmenschen für den Ausstieg in ein besseres Leben sind samt und sonders solche, die als Besserverdiener die komfortable Wahl zwischen Noch-Besser-Verdienen oder “einfach besser leben” hatten und sich für “einfach besser leben” entschieden haben. Viele Nicht-so-gut-Verdiener haben eine solche Wahl gar nicht, weil jedes “Downshifting” schlicht existenzgefährdend wäre.

Für die meisten Normalverdiener, die mit ihrem Gehalt eine Familie ernähren müssen, ist der Verzicht auf die jährliche Flugreise nach Übersee keine nach reiflicher Überlegung beschlossene ethische Großtat, sondern mangels Geld völlig selbstverständlich. Genau wie der Verzicht auf dicke Autos oder beheizte Swimmingpools.

Überhaupt ist es putzig, in einem Blatt dass sich ansonsten so vehement für Marktwirtschaft und Kapitalismus einsetzt, das Lob der Bescheidenheit zu lesen, wie Johannes von Antiochia um 400 nach Christi seinen Zeitgenossen predigte: “Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht. Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer viel begehrt.” Ich bin extrem gespannt, wie lange man das aktuelle Wirtschaftssystem mit Verzicht und Bescheidenheit am Laufen halten kann. Wie geht das zusammen mit der grundlegenden Notwendigkeit von immer mehr Wachstum?!

Es ist keineswegs so, dass ich für maßlosen Konsum und hirnlose Verschwendung bin – im Gegenteil. Aber wenn ein Loblied für Verzicht und Armut gesungen wird, ist ja klar, wer verzichten soll: Diejenigen, die zwar nichts haben, aber auch gern mal was hätten. Es ist ja klar, dass das System vor die Wand fährt, wenn alle sich dicke Autos, Flugreisen und jeden Tag ein Spanferkel leisten wollen. Also lobt man die Tugend der Bescheidenheit und die Verlierer können sich was drauf einbilden, nicht so egoistische Verschwenderärsche zu sein, wie die Großkopferten, die erst in den Himmel kommen, wenn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. Wobei sie den Himmel ja schon auf Erden haben und ihnen das Jenseits schnurzpiepegal sein kann.

Ein gutes Leben für alle Menschen wäre schon eine feine Sache. Und dafür müsste man nicht mal die Menschen ändern, sondern nur das System.

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Das Gesundheitswesen und andere Unfälle

So schnell kann es gehen: Eine Sekunde nicht aufgepasst und Hand und Fuß kaputt.

Dafür interessante Einsichten in unser theoretisch supergutes aber praktisch schon halbtot gespartes Gesundheitssystem. Wobei, der Rettungswagen war innerhalb von einer Viertelstunde da – was man im Zentrum in einer deutschen Großstadt auch erwarten kann. Dann aber das Warten in der Notaufnahme: Gut drei Stunden ohne Versorgung mit einer offensichtlich gebrochenen Hand und einem nicht ganz so offensichtlich gebrochenem Fuß, das tat weh. Wobei ich natürlich einsehe, dass so richtig Schwerverletzte und Kinder Vorrang haben. Schwerverletzte gab es einige – die Motorradsaison hatte begonnen. Blöd von mir, an einem solchen Tag mit einem lächerlichen Durchschnittsunfall in die Notaufnahme zu kommen.

Skulptur im Monbijou-Park, Berlin Mitte

Ungefähr so fühlte ich mich nach meinem Unfall.

Nach drei Stunden zum Röntgen, offensichtlicher Bruch der linken Hand bestätigt sich als mehrfragmentäre distale Radiusextensionsfraktur. Jetzt hat der Schmerz einen Namen. Der Fuß heißt “nicht dislozierte Basisfraktur der Metatarsale II”. Nach einer weiteren Stunde hat der Assistenzarzt endlich Zeit, meine Hand zu richten. Die Hand wird an den Fingern aufgehängt, um den Oberarm kommt eine Manschette, an die Gewichte gehängt werden. Ich stöhne.

Ein Pfleger kommt auf die Idee, zu fragen ob ich ein Schmerzmittel möchte. Ich möchte. Der Assistenzarzt gibt mir eine Spritze direkt ins kaputte Handgelenk – es ist wunderbar, als der Schmerz nachlässt. Dann ziehen der Pfleger und der Arzt gemeinsam an meinem Arm und gipsen das Ergebnis ein, bevor sich wieder etwas verschieben kann. Muss so bald wie möglich operiert werden, heißt es. Deshalb bekomme ich nichts zu essen. Auch nichts zu trinken. Inzwischen ist es halb acht abends. Meine letzte Mahlzeit war das Frühstück. Gegen zehn Uhr werde ich aus dem Flur der Notaufnahme auf Station verschoben. Die Schwestern sind sauer – warum schickt die Rettungsstelle immer Patienten hoch, wenn Dienstübergabe ist? Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Immerhin findet sich ein Platz in einem Zwei-Bett-Zimmer für mich. Und ich kann endlich telefonieren – unten in der Rettungsstelle gabs kein Netz.

Am nächsten Morgen bekomme ich ein Krankenhaus-Nachthemd und jede Menge Papiere, die ich unterschreiben muss. Krankenkasse, Zuzahlung, Vollmachten, Aufklärung. Stimme ich einer Sektion zu, falls ich sterbe? Gibt es eine Patientenverfügung? Stimme ich einer Organentnahme zu? Ja, nein, nein, ich will doch gar nicht sterben!

Frühstück bekomme ich nicht, ich soll ja operiert werden, am frühen Nachmittag heißt es. Ich bekomme Schmerztabletten, dazu darf ich einen Schluck Wasser trinken. Ich warte. Draußen scheint die Sonne. Immerhin stehen vor dem Fenster Bäume, ihr frisches Grün spielt mit dem Sonnenlicht. Die Stunden vergehen.

Ich werde vertröstet, zu viele Schwerverletzte, die versorgt werden müssen. Schließlich ist genau diese Klinik ein Polytrauma-Zentrum, also auf die Versorgung von Mehrfach- und Schwerverletzten spezialisiert. Meine Verletzung ist nicht lebensbedrohlich, daher habe ich keine Priorität. Zwischendurch kommt jemand, der einen Stützschuh für meinen kaputten Fuß bringt. Das Teil ist riesig und sieht aus wie ein Stück von einem Weltraumanzug. Aber damit kann ich wenigstens zur Toilette humpeln.

Irgendwann wird meine OP abgesagt. Ist vielleicht auch nicht so schlecht, denke ich bei mir. Die Vorstellung, dass mein Arm von Chirurgen aufgeschnitten wird, denen das Skalpell vor Übermüdung aus der Hand fällt, hatte mich von Stunde zu Stunde mehr beunruhigt.

Ich bin ohnehin schon ganz zittrig, weil ich seit fast zwei Tagen nichts gegessen habe. Abendbrotzeit ist schon vorbei, aber eine Schwester bringt mir ein Tablett mit ein paar Scheiben Knäckebrot und eine Tasse Pfefferminztee. Der Oberarzt kommt vorbei und überlegt. Morgen sei der OP-Plan auch ohne Notfälle schon voll. Danach ist Feiertag. Am besten, ich werde in ein anderes Krankenhaus verlegt, wo es weniger akute Fälle gibt, damit ich morgen auf jeden Fall operiert werden kann. Er werde telefonieren, verspricht er. Die Schwester holt das Tablett ab und sagt, dass es nun einmal zuwenig Personal gebe, sie hätte selbst eine Woche auf einen Operationstermin warten müssen, als sie einen brauchte.

Der Oberarzt kommt zurück und sagt, er habe für mich einen Termin an einem anderen Standort gebucht: “Morgen früh kommt der Transport und Sie sind die Nummer drei auf der Liste, Sie werden auf jeden Fall morgen operiert!” Ich beschließe, erleichtert zu sein und schlafe ein.

Am nächsten Morgen gibt es wieder kein Frühstück für mich, meine Sachen werden in eine Plastiktüte mit der Aufschrift “Bitte beachten: Patienteneigentum!” gepackt, dann kommen die Jungs vom Krankentransport. Ich kann sitzend transportiert werden, wir nehmen noch eine weitere Patientin mit, die auf die Liege kommt. Auch sie soll heute noch operiert werden. OP-Tourismus.

In der anderen Klinik dann eine angenehme Überraschung – der freundliche Oberarzt hat mir ein Einzelzimmer für Privatpatienten reservieren lassen. Es sieht mit hellen Holzmöbeln, Laminatfußboden und freundlichen Gardinen fast ein Hotelzimmer aus und hat einen schönen Ausblick. Es gibt sogar ein richtiges Badezimmer.

Ich lege mich ins Luxuskrankenbett und mache es mir so gemütlich wie es mit meinen gebrochenen Gliedmaßen eben geht. Kaum habe ich das getan, kommt die Visite. Der Chefarzt persönlich segelt mit einer ganzen Armada von Assistenzärzten herein. Er weist mich noch einmal darauf hin, wie schön ich es hier doch hätte und ich erwidere, dass ichs so schön fände, dass ich gar nicht mehr nach Hause möchte. “Ich höre da doch eine feine Ironie”, stellt der Chefarzt fest. “Aber keine Sorge, Sie werden bei uns heute noch operiert. Und genießen Sie den Aufenthalt, dieses Zimmer kostet kostet sonst 150 Euro pro Tag extra. Sie bekommen es ausnahmsweise ohne Aufpreis!” Und die Armada segelt weiter.

Am späten Vormittag kommt ein Pfleger, der mich für die OP abholt. Wieder bekomme ich ein OP-Hemd, dieses Mal aber auch eine Haube für die Haare und eine Tablette, die ich mit einem Schluck Wasser runterspülen darf. Dann fahren wir zum OP.

Mir fällt auf, dass die Wände im Privattrakt schönere Farben haben, auch der Fußbodenbelag sieht viel edler aus als auf den anderen Stationen. Es gibt auch einem Wartebereich mit gepolsterten Stühlen und Grünpflanzen statt der sonst üblichen Plastikschalen, die im Flur festgeschraubt sind.

Im Warteraum vor den Operationssälen ist dann aber alles hässlich zweckmäßig. Zwischen verstellbaren Vorhängen stehen mehrere fahrbare Liegen mit Patienten in Warteposition. Ich werde in der Mitte geparkt. Auf der einen Seite wird jemand, der gerade aufwacht, abgeholt, auf der anderen Seite jemand in den OP geschoben. Fließbandbetrieb.

Der Anästhesist kommt und erklärt mir noch einmal, was er tun will, während schon ein Tropf mit einem Beruhigungsmittel angehängt wird – die Kanüle dafür habe ich ja schon seit dem Tag zuvor in der Hand. Für die Operation bekomme ich keine Vollnarkose, sondern eine Armplexusanästhesie: die Armnerven werden von der Schulter aus betäubt. Ich habe Angst, aber das Beruhigungsmittel wirkt schnell – ich halte ganz still, während der Arzt gemeinsam mit einer Assistentin per Ultraschall die richtigen Einstichstellen sucht und dann per Elektroreiz überprüft, welchen Nerv er erwischt hat. Er ist nicht zufrieden, als die falschen Muskeln zucken und sucht eine Weile, aber schließlich fängt mein Arm an zu kribbeln und schläft ein.

Er muss noch eine ganze Weile schlafen, denn irgendwas scheint im Plan durcheinander gekommen zu sein. Nach gut einer Stunde wird ein weiterer Patient von dem OP in den Durchgangsraum geschoben, aber ich bin noch nicht dran. Komplikationen, heißt es. Gut, dass das Beruhigungsmitteln mich so schön einlullt.

Eine weitere Stunde vergeht. Jetzt wird der Anästhesist ungeduldig und interveniert. Schließlich hält meine Betäubung nicht ewig vor, auch wenn er in weiser Voraussicht ein Medikament mit langer Wirkzeit gespritzt hat. Er schiebt mich kurzerhand in den Durchgang zum OP. Der OP müsse noch geputzt werden, heißt es jetzt, dort wäre eine ziemliche Schweinerei passiert und der andere OP sei derzeit nicht in Betrieb.

Eigentlich sollte das OP-Programm bis 13 Uhr durch sein, aber jetzt ist es schon fast 14 Uhr. Der Putztrupp trifft ein und drückt sich an mir vorbei. Leider lässt mein Beruhigungsmittel und damit dieses herrliche Alles-egal-Gefühl inzwischen nach.

Nach einer Ewigkeit ist der OP geputzt, aber trocken werden muss der Boden auch noch, die Chirurgen sollen ja nicht ausrutschen. Um halb drei ist es endlich so weit: Ich bin dran. An der Decke über mir sehe ich Blutspritzer. Ich kann mir aussuchen, ob ich schlafen oder Musik hören will und entscheide mich für die Musik. Entspannende Klassik. Eine Art Zelt wird über meinem Kopf aufgebaut, dann geht es los.

Durch die Musik hindurch höre ich Stimmen: “Geht es Ihnen gut?” Ich nicke. “Können wir etwas auf Ihrem Bauch ablegen?” Ich nicke. Irgendwelche Instrumente werden abgelegt. Ich spüre, dass eifrig an meinem Arm gewerkelt wird, aber es tut nicht weh. Ich fühle mich ein bisschen wie in der Werkstatt: “Zieh mal am Daumen – halt nicht so sehr!” – “Mist, ist dieser Bohrer stumpf!” – “Wir probieren das jetzt mal anders!” – “Hast du den Schraubendreher?”

Dazwischen auch Fachgesimpel über die lästigen Jahresverträge, die Kürzungen und die Tücken bestimmter Fachrichtungen. Meine Chirurgin ist Fachärztin für Unfallchirugie und für Orthopädie, wollte aber eigentlich lieber Internistin werden, höre ich. Warum sie sich nicht einfach als D-Ärztin selbständig mache, will der Assistenzarzt wissen. Da habe sie doch viel angenehmere Arbeitszeiten und könne mehr verdienen. Dafür fehle wiederum die spezielle Unfallchirurgie und mit fast 50 habe sie keinen Bock mehr auf diesen Scheiß, also eine weitere Facharztausbildung. Tja, auch andere Akademiker haben es nicht leicht, denke ich.

Durch einen Spalt in den Tüchern, die mein Zelt bilden, kann ich auf einem Monitor Röntgenbilder von meinem Unterarm sehen, mit Metallplatte und diversen Schrauben. Die Chirurgin ist noch nicht zufrieden. “Die mittlere Schraube machen wir nochmal!” Erneut wird geschraubt, gebohrt und geschraubt. “Bevor wir zunähen, lösen wir die Blutsperre und warten ein paar Minuten!” Die Druckmanschette an meinem Oberarm wird gelöst.

Offenbar ist alles gut, denn jetzt reden sie über die Naht. Dann wird der Vorhang abgebaut und man nimmt mir die Kopfhörer ab. Es ist jetzt fast 16 Uhr. Auf dem Monitor sehe ich meinen neu verschraubten Unterarm. Die Chirurgin scheint zufrieden: “Den nehmen wir!” Die Aufnahme wird ausgedruckt. “Na, was sagen Sie dazu?!” Sie schaut mich erwartungsvoll an. “Sieht super aus!” sage ich. “Das meine ich aber auch!” bestätigt sie.

Um mich herum beginnt ein großes Abräumen. Ich werde in den Vorraum zurück geschoben. Dort ist eine Diskussion im Gange. Schon 16 Uhr und noch drei OPs, das geht nicht. Aber zwei Patienten sind schon vorbereitet. “Dann machen wir die Patella noch, aber wer macht dann die Hüfte? Und Nummer drei absagen!”

Bin ich froh, dass ich diesmal nicht die Absage bin! Eine weitere Stunde später liege ich wieder in meinem schönen Zimmer, der Arm schläft zum Glück noch. Meine Kinder waren da, wird mir berichtet, sie wollen später noch mal wieder kommen. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass es so lange dauert! Ich brauche ja ein paar Sachen, die es in Krankenhäusern heutzutage nicht gibt, eine Zahnbürste und Zahnpasta beispielsweise, eine Haarbürste oder Slipeinlagen. Daran hatte ich drei Tage zuvor nicht gedacht. Oder eine Hose, die über diesen Mondstiefel passt und die ich mit einer Hand anziehen kann.

Und weil das Schreiben mit einer Hand anstrengend ist, mache ich an dieser Stelle jetzt mal Schluss. Fortsetzung folgt.

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Die Rassisten vom Prenzlauer Berg

Angeblich sind die Berliner ja unheimlich tolerant und weltoffen, aber wenn es um die Schwaben geht, hört der Spaß endgültig auf. Im insbesondere bei gutverdienenden Kinderfreuden sehr beliebten Prenzlauer Berg (von Außenstehenden immer noch als “Szeneviertel” bezeichnet, obwohl es längst keine Szene mehr gibt, die findet jetzt in den bislang vernachlässigten Ecken von Wedding, Lichtenberg oder Neukölln statt, vermutlich kommt als nächstes Reinickendorf. Oder Rudow) kommt es zu offenen Pöbeleien gegen eine bestimmte Sorte Zugezogener – wobei mich nicht wundern würde, wenn es sich bei den Aktivisten gar nicht um eingeborene Berliner handelte. Das kennt man ja, die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Berlin war schon immer eine klassische Zuwandererstadt, nur kamen die echten Berliner vor einigen Generationen noch hauptsächlich aus Breslau oder Königsberg. Jetzt kommen sie halt aus Stuttgart oder Heilbronn. Sie kommen aber auch aus Großbritannien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Polen oder Vietnam. Man stelle sich vor, die Schmierer vom Prenzlauer Berg hätten statt “Kauf nicht bei Schwabn” “Kauf nicht beim Vietnamesn”, “Kauf nicht beim Türkn” oder ganz schlimm, “Kauf nicht bei Judn” an die Wand gesprüht. Dann wäre die Kacke aber am Dampfen! Ein bisschen ist sie das jetzt auch, immerhin hat die Polizei Ermittlungen aufgenommen, Fremdenfeindlichkeit ist schließlich kein Kavaliersdelikt, selbst wenn sie sich gegen ja irgendwie Deutsche richtet, die von anderen Deutschen diffamiert werden. Rassismus hat viele Gesichter und alle sind dumm.

Der höchste Punkt vom Prenzlauer Berg: Auf dem großen Wasserspeicher.

Der höchste Punkt vom Prenzlauer Berg: Auf dem großen Wasserspeicher.

Als Zugewanderte, die kurz nach der Grenzöffnung nach Berlin gekommen ist, werde ich selbst sentimental, wenn ich an die schönen wilden 90er denke, in denen das Leben in Prenzlauer Berg noch billig und bunt war. Ich kannte ja den Wohnungsmarkt in anderen Universitätsstätten, in Göttingen, Marburg oder Heidelberg (über Hamburg, Köln oder München gar nicht zu reden) musste man den halben Bafög-Satz für ein schäbiges Zimmer hinlegen, in West-Berlin übrigens auch, wenn man nicht das Glück hatte, irgendeinen Alt-Mietvertrag in Kreugberg oder Charlottenburg zu “erben”. Und dann war da plötzlich dieser herrlich vernachlässigte Osten, voll von verlassenen Altbauwohnungen, die man zu vergleichsweise günstigen Preisen bekommen konnte – auch wenn die Ossis bereits schimpften, dass sie jetzt für ihre 4-Raum-Altbau-Wohnung (unsarniert) statt 60 Mark Ost jetzt 600 Mark WEST (!!!) an Miete zahlen mussten.

Wir Zuwanderer nahmen die 600-Euro-Altbauwohnung mit Kusshand, warfen die Auslegware raus, rissen die Holzpaneelen von Decken und Wänden, zogen die Dielen ab, restaurierten den Stuck, sofern vorhanden und bauten Bäder ein. Bereiteten den Boden für die Besserverdiener, die uns dann verdrängten, weil sie bereit waren, für den Einbau einer Gasetagenheizung eine höhere Miete zu zahlen, die wir uns nicht mehr leisten konnten. Immerhin passten wir uns an, fingen an, beim Bäcker “Schrippen” zu verlangen und beteiligten uns an der Treppenhausreinigung, die im Osten oft noch vom Hauskollektiv organisiert wurde. So viel zur angeblich schwäbischen Erfindung der Kehrwoche. Ab und zu wurde ein Subotnik veranstaltet, bei dem der Hof von Freiwilligen entmüllt und aufgeräumt wurde, danach gabs Grillwurst und Bier. Und noch nicht ganz so alte Geschichten aus der DDR.

Dass dieses Idyll unter dem gnadenlosen Fortschritt des nun gesamtdeutschen Kapitalismus keinen Bestand hatte, ist zwar sehr bedauerlich, allerdings nicht die Schuld der Schwaben. Das Geschäftsmodell Menschen auszubeuten, nur weil sie irgendwie leben und irgendwo wohnen müssen, haben ja nicht die Schwaben erfunden. Und was wäre Berlin ohne die ganzen bereichernden Dinge, die die Zuwanderer vergangener Jahrhunderte mitgebracht haben, die Hugenotten beispielsweise. Sie brachten mit Bouletten, Spargel und feinem Backwerk endlich eine Art Esskultur ins hinterwäldlerische Berlin und erfanden beispielsweise die beliebten Gartenlokale. Außerdem waren sie ähnlich wie die Schwaben fleißig und handwerklich geschickt – unter ihnen waren Gärtner, Seidenweber, Uhrmacher, Emailleure, Buchbinder, Buchhändler, Pâtissiers und Cafetiers. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, weil im Berliner Umland einfach nicht genug Kaufkraft für die Produkte der produktiven Réfugiés vorhanden war, so dass der preussische Staat mehrfach als Abnehmer einspringen musste, blühte die preussische Metropole auf und zog immer mehr Menschen an – ähnlich wie heute, wo so ziemlich jeder, der in Deutschland am Puls der Zeit leben will, nach Berlin muss.

Und wie das so ist, mit den Orten, wo jeder hin muss – das sieht man ja auch an London, Paris oder New York – wo viele Leute um Wohnungen, Jobs und kreative Freiräume konkurrieren, müssen sie sich im Wettbewerb bewähren: Man muss halt mehr zahlen, mehr arbeiten und einfach besser sein. Das ist freie Marktwirtschaft, das ist Kapitalismus. Den kann und muss man kritisieren. Aber doch nicht irgendwelche willkürlich ausgewählte Volksgruppen, die im Wettbewerb derzeit etwas besser dran zu sein scheinen. Wenn schon eine Neiddebatte, dann doch bitte eine weniger dumme.

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Über das Verhältnis von Arbeit und Reichtum

Aus gegebenen Anlass folgt nun ein bisschen Werbung – ich erlaube mir den aktuellen Post von KHM hier noch einmal für alle gut sichtbar zu wiederholen:

Peter Decker hält am Dienstag, den 7. Mai 2013 um 19.30 Uhr im Mehringhof in Berlin-Kreuzberg einen Vortrag zum Thema “Alles Nötige zum kapitalistischen Verhältnis zwischen Arbeit und Reichtum”.

Hier der Ankündigungstext zur Veranstaltung:

Arbeit und Reichtum scheinen eine klare Beziehung zu haben: Die Arbeit schafft den Reichtum. Andererseits schafft die Arbeit Reichtum nicht für die Leute, die die Arbeit machen. Wer arbeitet, wird nicht reich; und die Reichen, die immer reicher werden, arbeiten nicht. Nicht-Arbeit scheint reich zu machen, Arbeit nicht.

Von der Arbeit, die den Reichtum schafft, gibt es nie genug. Wachstum ist die Parole der Wirtschaft: Wenn immer mehr Leute immer länger arbeiten, wächst der Reichtum. Von der Arbeit, die den Reichtum schafft, gibt es längst zu viel. Millionenfach werden Arbeitskräfte in der EU entlassen. Ihre Arbeit wird nicht mehr gebraucht – und das nicht, weil es schon genug von allem gäbe und alle Menschen satt und zufrieden wären. Ihre Arbeit ist überflüssig, weil sie für den Zweck nicht taugt, für den sie organisiert wird: Geld zu erzeugen für die, die „Arbeit geben“. Diejenigen, die „Arbeit nehmen“ müssen, können nicht leben, wenn sie nicht arbeiten, auch wenn ihnen niemand sagen kann, wofür ihre Arbeit gebraucht wird.

Arbeit im Kapitalismus findet nicht statt, um die Lebensmittel herzustellen, von denen die Gesellschaft lebt; aber ihre normalen Mitglieder können nur leben, wenn sie Arbeit, die dafür gar nicht da ist, verrichten. Der materielle Reproduktionsprozess der Gesellschaft – Produktion und Konsumtion der nützlichen Dinge – ist einem ganz anderen Zweck dienstbar gemacht – mit allen negativen Folgen für Arbeit, Leben und Existenzunsicherheit der meisten. Das, nur das ist der Grund, warum der Kapitalismus abgeschafft gehört.

blühende Bäume im Garten

Mein Beitrag beschränkt sich heute auf das Foto zum gestrigen Tag der Gartenarbeit.

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